Eine kritische Zwischenbilanz nach vierzig Seiten
Gerald Grosz’ früheres Buch Merkels Werk – Unser Untergang war ein beträchtlicher Verkaufserfolg. Ab nach Hause knüpft erkennbar an diesen Erfolg an – thematisch, rhetorisch und wohl auch verlegerisch. Ob das neue Buch jedoch die gedankliche Geschlossenheit seines Vorgängers erreicht, erscheint nach den ersten vierzig Seiten zweifelhaft.
Meine Beurteilung kann vorerst nur die ersten vierzig Seiten betreffen. Gerade darin liegt allerdings bereits ein wesentliches Problem des Buches. Grosz beschäftigt sich ausführlich mit den unterschiedlichen Bedeutungen, die Politiker, Journalisten und politische Gegner dem Begriff „Remigration“ geben. Er zeigt, dass das Wort von verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich verwendet und häufig mit besonders weitreichenden politischen Forderungen verbunden wird.
Eine solche begriffliche Klärung wäre notwendig. Sie müsste jedoch zu einer eigenen, eindeutigen Definition führen. Bis Seite vierzig ist Grosz dort noch nicht angekommen. Er beschreibt, was andere unter Remigration verstehen, was sie angeblich darunter verstehen wollen und welche Absichten sie den Benutzern des Wortes unterstellen. Er sagt aber noch nicht mit genügender Genauigkeit, was er selbst fordert.
Wer soll Europa verlassen? Geht es um Menschen, deren Asylantrag rechtskräftig abgelehnt wurde? Geht es um Personen ohne Aufenthaltsrecht, um Straftäter, um Menschen mit befristetem Schutzstatus oder auch um dauerhaft ansässige Ausländer? Welche Rolle spielen Staatsbürgerschaft, Aufenthaltsrecht und persönliche Lebensgeschichte? Soll die Rückkehr freiwillig erfolgen oder staatlich erzwungen werden?
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, lässt sich Grosz’ politische Forderung kaum sachlich beurteilen. Der Begriff „Remigration“ wird zum Gegenstand einer langen rhetorischen Auseinandersetzung, bevor er zu einem klar beschriebenen politischen Konzept wird.
Wiederholung statt gedanklicher Entwicklung
Die ersten Kapitel enthalten durchaus wichtige Gedanken. Grosz weist etwa darauf hin, dass verschiedene Rechtsstellungen und verschiedene Formen der Migration nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Auch die Frage, ob ein politischer Begriff durch seine extremsten Benutzer vollständig definiert werden kann, ist berechtigt.
Diese Gedanken hätten jedoch erheblich knapper und systematischer dargestellt werden können. Grosz kehrt immer wieder zu denselben Vorwürfen, denselben Begriffen und denselben politischen Reaktionen zurück. Die Wiederholung führt nicht zu einer fortschreitenden Präzisierung. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass dieselben Aussagen so lange wiederholt und gesteigert werden, bis ihre emotionale Wirkung die fehlende begriffliche Klarheit ersetzen soll.
Eine überzeugende Argumentation benötigt eine erkennbare Bewegung: Definition, Begründung, Belege, Prüfung möglicher Einwände und Schlussfolgerung. Grosz’ Darstellung bewegt sich dagegen häufig im Kreis. Man erfährt viel darüber, was er von seinen Gegnern hält, aber zunächst zu wenig darüber, wie sein eigenes politisches Programm genau aussehen soll.
Schreiben als politische Darbietung
Grosz ist ein wirkungsvoller Fernsehredner. Er liebt Zuspitzung, Sarkasmus, Steigerung und den sprachlichen Angriff. Seine Sätze wachsen oft zu langen Ketten aus Behauptungen, Einschüben, Nebenbemerkungen und abschliessenden Verurteilungen an. Beim gesprochenen Vortrag können Stimme, Mimik, Betonung und Atempausen eine solche Konstruktion zusammenhalten. Auf der gedruckten Seite wird ihre Unordnung deutlicher.
Ein Beispiel lautet:
„Auch hier gibt es keine einzige Forderung, Staatsbürgerschaften abzuerkennen und die Staatsbürger in mehrere Klassen zu unterscheiden. Was auch schwer wäre, zumal namhafte Vertreter der AfD ebenso einen Migrationshintergrund haben und ich die dumme Differenzierung zwischen ‚Biodeutschen‘ und ‚Passdeutschen‘ ja wohl wirklich im 21. Jahrhundert nicht hören möchte und kein Mensch es ernst nehmen kann und soll.“
Der zweite Satz beginnt mit einem unvollständigen „Was auch schwer wäre“ und entwickelt sich anschliessend in mehrere Richtungen. Zunächst nennt Grosz AfD-Vertreter mit Migrationshintergrund. Dann fügt er seine persönliche Abneigung gegen bestimmte Begriffe hinzu. Schliesslich erklärt er, kein Mensch könne oder solle diese Unterscheidung ernst nehmen.
Hier werden Begründung, persönliche Empörung und allgemeines Urteil in einer einzigen Satzbewegung zusammengepresst. Wendungen wie „ja wohl wirklich“ verstärken den Ton, tragen aber wenig zur Bedeutung bei. Die Formulierung „kein Mensch“ lässt ausserdem keinen vernünftigen Widerspruch mehr zu. Der Leser soll nicht nur überzeugt werden; ihm wird nahegelegt, dass eine andere Auffassung gar nicht ernst zu nehmen sei.
Diese Prosa ist auch für einen deutschen Muttersprachler nicht unbedingt angenehm. Ein Muttersprachler wird sie leichter grammatisch entschlüsseln als ein ausländischer Leser. Dennoch bleiben die Sätze überladen, die Gedankenführung sprunghaft und die rhetorischen Verstärkungen ermüdend. Grosz schreibt häufig nicht, um einen Gedanken möglichst klar auszudrücken, sondern um eine sprachliche Explosion zu erzeugen.
Rassische Kategorien unter dem Schutz der Ironie
Besonders problematisch wird dieses Verfahren dort, wo Grosz körperliche und ethnische Merkmale zur Verspottung politischer Gegner verwendet. Auf Seite 34 schreibt er:
„Diese Vertreter … sind klein, körperlich gedrungen, dunkelhaarig und von den bemühten blauen Augen der reinen deutschen Ethnie ist selten was zu sehen.“
Die Formulierung ist offenkundig ironisch. Grosz scheint die Vorstellung einer äusserlich erkennbaren „reinen deutschen Ethnie“ lächerlich machen zu wollen. Gleichzeitig beschreibt er Menschen abwertend nach Körperbau, Haarfarbe und vermeintlich ethnischen Merkmalen.
Bemerkenswert ist, dass „klein, körperlich gedrungen, dunkelhaarig“ auch Grosz selbst nicht völlig unzutreffend beschreibt. Dadurch erhält die Passage eine unfreiwillige Komik. Ihr grundsätzliches Problem bleibt jedoch bestehen.
Grosz führt rassische Kategorien ein, während er sich scheinbar über sie lustig macht. Die Ironie bietet ihm Schutz: Er kann jederzeit behaupten, er habe gerade die Absurdität solcher Vorstellungen entlarven wollen. Trotzdem bleiben die Kategorien im Text wirksam. Menschen werden nach Aussehen, Abstammung und angeblicher ethnischer Zugehörigkeit geordnet und verspottet.
Dies scheint ein wiederkehrendes rhetorisches Verfahren zu sein. Grosz muss seine eigene Haltung nicht immer ausdrücklich erklären. Er kann Formulierungen anderer zitieren, übertreiben oder ironisch umkehren. Auf diese Weise werden rassistische oder fremdenfeindliche Vorstellungen in den Text eingebracht, ohne dass der Autor jede einzelne als sein eigenes Bekenntnis formulieren muss. Entscheidend ist deshalb nicht nur, was Grosz ausdrücklich behauptet, sondern auch, welche Vorstellungen seine Sprache beständig aufruft und verstärkt.
Die Rhetorik der Verachtung
Grosz’ öffentliche Auftritte sind von langen Steigerungen, körperlichen Karikaturen, wiederholten Angriffen und emotionalen Höhepunkten geprägt. Diese Mittel gehören zu einer älteren Tradition aggressiver politischer Rhetorik. Sie sollen Gegner nicht nur widerlegen, sondern verkleinern, lächerlich machen und moralisch aus der Gemeinschaft vernünftiger Menschen ausschliessen.
Ein historischer Vergleich muss vorsichtig formuliert werden. Es wäre ohne weitere Belege unangemessen zu behaupten, Grosz ahme Adolf Hitler bewusst nach oder richte seine gesamte politische Haltung an ihm aus. Dennoch kann seine eigene Sprache solche Assoziationen hervorrufen. Die Atemlosigkeit, die ständige Steigerung, die körperliche Herabsetzung von Gegnern und das lustvolle Auskosten der Empörung erinnern stellenweise an Formen demagogischer Rede, die im zwanzigsten Jahrhundert ihre gefährlichste Ausprägung fanden.
Es geht dabei nicht um eine Gleichsetzung der Personen. Es geht um die Frage, welche rhetorischen Mittel ein Autor verwendet und welche Wirkung sie haben.
Ein Buch, das seinen Begriff noch finden muss
Nach vierzig Seiten bleibt mein Haupteinwand einfach: Grosz hat viel über den Begriff „Remigration“ geschrieben, ihn aber noch nicht zu einer klaren eigenen Forderung entwickelt.
Die ausführliche Darstellung verschiedener Definitionen hätte eine nützliche Einleitung sein können. Grosz hätte die Bedeutungen voneinander trennen, seine eigene Position festlegen und dann Schritt für Schritt begründen können. Stattdessen kehrt er wiederholt zu denselben Gegnern und Empörungen zurück.
Diese Wiederholung erfüllt offenbar zwei Aufgaben. Sie hämmert seine Vorstellungen über Migration, ethnische Zugehörigkeit und politische Verantwortung immer wieder in den Text. Zugleich verschafft sie dem Autor Gelegenheit, seine sprachliche Angriffslust auszuleben. Grosz schreibt und erregt sich – oder er erregt sich und schreibt. Beides lässt sich kaum voneinander trennen.
Das Ergebnis ist nicht gedankliche Klarheit, sondern rhetorische Verdichtung. Der Leser soll die Dringlichkeit, den Zorn und die Verachtung des Autors spüren. Was jedoch weiterhin fehlt, ist eine nüchterne, logisch aufgebaute und rechtlich präzise Antwort auf die entscheidende Frage:
Was genau versteht Gerald Grosz selbst unter Remigration?
Bis diese Frage beantwortet wird, bleibt Ab nach Hause weniger ein geschlossenes politisches Argument als eine ausgedehnte sprachliche Mobilmachung.




